Gedankenexperiment

Gedankenexperimente sind im Unterricht meist eine spannende Methode, um Grundsätzliches zu hinterfragen und interessante Diskussionen zu entfachen. Sie überspitzen, sind fiktional und gerade darum in Filmen ein häufig gebrauchtes Stilmittel und bei Schülern beliebt.

Das spannende und zugleich frustrierende an Gedankenexperimenten: Man darf ihnen nicht ausweichen und muss ihre Grundbedingungen akzeptieren, damit sie Erkenntnisse hervorbringen können.

 

Ein berühmtes Beispiel stellt das sogenannte Trolley-Problem dar: Ein Straßenbahn- oder Zugwagon rast führerlos auf eine Weiche zu, die du bedienen kannst. Wird die Weiche nicht umgestellt sterben fünf Gleisarbeiter, die sich gerade zufällig auf diesem Gleis befinden. Du kannst diese Arbeiter zwar nicht warnen, hast aber die Möglichkeit, die Weiche umzustellen. Auf dem zweiten Gleis, auf das der Wagon nun rollen würde, steht nur ein Arbeiter, der auch nicht gewarnt werden kann und sterben würde. Natürlich könnte man alle möglichen Auswege erfinden, um den Wagon zu stoppen oder die Arbeiter zu warnen, aber dies ist nicht zulässig. Das Gedankenexperiment wird gerade dadurch reizvoll, dass es alle Ausflüchte verbietet: Man muss sich entscheiden - umstellen oder nicht umstellen; eingreifen oder nicht eingreifen; fünf Opfer oder eines? Diese Entscheidungen geben Auskunft darüber, welche Motive unser Handeln beeinflussen und sind gerade darum so spannend.

 

Das folgende Gedankenexperiment wurde zuerst auf Twitter vorgestellt und dort diskutiert und soll hier festgehalten werden. Ich will an dieser Stelle auch einige Fragen und Gedanken dazu äußern:

 

Gedankenexperiment:

Stell dir vor es gäbe ein unglaublich hoch entwickeltes Computerprogramm, das in der Lage wäre perfekte moralische Entscheidungen zu treffen. Würdest du in jedem Fall den Empfehlungen dieses Computerprogramms folgen?

 

Um ein solches Szenario im Unterricht oder für das eigene Nachdenken nutzen zu können, ist es möglich sich über Antworten oder über Fragen zu nähern.

 

Fragen:

Gibt es überhaupt perfekte moralische Entscheidungen?

Diese Frage lässt sich anders formuliert auch so darstellen:

Können moralische Aussagen in der gleichen Weise wahr sein wie mathematische Aussagen? Kann ich also mit der gleichen Sicherheit sagen, dass es falsch ist einen Menschen zu töten, wie ich sagen kann, dass zwei plus zwei gleich vier ist?

 

Gibt es eine immer gültige und wahre Moral, die wir Menschen nur entdecken müssen oder gibt es lediglich Konventionen, die nur für eine gewisse Zeit in einem bestimmten Kontext als „wahr“ anerkannt werden könnten?

 

Werden Computerprogramme („Künstliche Intelligenz“) jemals so intelligent sein können, dass sie derart komplexe Entscheidungen überhaupt fällen können?

 

Gedanken:

Hier möchte ich eine provozierende Antwort geben, um eine weitere Diskussion anzuregen. 

Gehen wir davon aus, dass es eine perfekte Moral gibt und dass es einem Computerprogramm tatsächlich gelingen könnte, moralische Entscheidungen in diesem Sinne zu treffen - würden wir diesen Entscheidungen folgen?

Es könnte bedeuten, dass uns das Programm mitteilt, dass es unmoralisch ist ein T-Shirt für 5€ zu kaufen oder ein Stück Fleisch zu kaufen, dass billiger ist als eine Gurke. Es könnte bedeuten, dass wir uns kein neues Smartphone kaufen sollten oder auf ein neues Auto verzichten müssten. 

Ein Programm, dass als moralischen Standard das Überleben der Menschheit und des Planeten als Maßstab auffassen würde, könnte weite Teile unseres Lebensstandards in Frage stellen.  

 

An dieser Stelle will ich folgenden Gedankengang einstreuen:

Unsere Entscheidungen resultieren aus zahlreichen Motiven. Wir wollen rudimentäre Bedürfnisse erfüllen (Leben, Freiheit von Leid, etc.) aber wir wollen auch Vergnügen, Selbstverwirklichung und Spaß und haben einen Hang zum Egoismus.

Gleichzeitig haben wir ein starkes moralisches Empfinden und wollen gut sein oder zumindest als gut erscheinen. 

Moralische Konzepte bzw. Theorien gibt es seit seit der Antike in einer Fülle, die bis zum heutigen Tag besteht. Von Platon und Aristoteles über christliche Denker bis hin zum modernen Utilitarismus-kein Konzept konnte sich durchsetzen. Dies sorgt für ein mehrfaches Dilemma: zum einen wirft es die Frage auf, ob es überhaupt universelle ethische Konzepte gibt oder geben kann. Zum anderen bieten diese Theorien viele Zufluchtswege. So lassen sich zahlreiche Entscheidungen als moralisch deklarieren, wenn ich nur in der Lage bin, die richtige Theorie zu meinen Gunsten auszulegen. 

Um ein Bild zu bemühen: Die Summe unserer tatsächlichen Entscheidungsmotive gleicht einem Automobil, das komplex ist, aus vielen Teilen besteht und vom Motor bis zur Karosserie keinen Wert auf Ästhetik legt. Die Moral ist der Lack auf diesem Untergrund. Während wir uns also seit Jahrhunderten darum streiten, welcher Lack der richtige ist, liegen die bedeutsamen Teile unserer Handlungsentscheidungen tiefer.

Das Gedankenexperiment bietet die Chance dies zu hinterfragen. Gesetz dem Fall, wir müssten uns mit der einen wahren Moral konfrontiert sehen, die uns aber benachteiligt-würden wir in den sauren Apfel beißen und auf Wohlstand und Komfort verzichten, um moralisch handeln zu können oder würden wir uns als unmoralisch zu erkennen geben, um Luxus und Wohlstand genießen zu können?

 

Welchen Stellenwert hat Moral unter den vielen Einflussfaktoren unserer Entscheidungen?