Das Argument der Lücke oder: Wer sind wir, wenn typisch Menschliches nicht mehr menschlich ist?

In einer Zeit fortschreitender wissenschaftlicher Forschungen wurden immer mehr Lebensbereiche und insbesondere Naturphänomene rational erklärbar. Reflexhaft verlagerten sich zahlreiche Gläubige in einen Rückzug ihrer Vorstellung einer göttlichen Identität.

War Gott nicht mehr verantwortlich für die Bewegung der Himmelskörper, dann für deren Entstehung. Wurde auch diese naturwissenschaftlich erklärbar, zog sich der Einfluss Gottes weiter zurück. Dieser Mechanismus ist in vielen Bereichen beobachtbar. Es entsteht die Vorstellung eines Gottes-der-Lücke, der nur noch dort einen Platz hat, wo die Wissenschaft noch nicht Fuß fassen konnte.

Diese Auffassung ist begrenzt und führt schlussendlich in eine Identitätskrise, weswegen sie von modernen Theologen selten geteilt wird. Sie finden andere Zugänge und sinnstiftende Elemente.

 

Die Digitalisierung hält dem Menschen in gewisser Weise einen ebensolchen Spiegel vor.

Wie begreifen wir Menschen uns? Im Laufe der Geschichte definierte sich der Mensch meist durch seine Besonderheiten. Die Abgrenzung gegenüber anderen Lebewesen war vielen Menschen immer wichtig. Sogenannte anthropozentrische Weltbilder - also solche, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen - gibt es seit der Mensch sich Gedanken über sich und seinen Platz in der Natur macht.

Unterscheidungsmerkmale waren dabei stets bedeutend, aber ebenso beliebig: Egal ob durch die Sprache, den Verstand, die Fähigkeit zu planen, künstlerisch-kreativ zu sein oder durch eine angenommene göttliche Sonderstellung - stets ist das Ergebnis eine Heraushebung des Menschen aus der restlichen Natur. Wir sind etwas Besonderes.

 

Diese Haltung geriet zunächst gegenüber der zunehmenden Erkenntnis um die Fähigkeiten und Fertigkeiten von Tieren ins Wanken. Diese sind keine automatenartigen Reiz-Reaktions-Maschinen, die aufgrund ihrer Genetik auf bestimmte Einflüsse reagieren, wie man dies noch in der frühen Neuzeit glaubte. Wir wissen heute, dass Tiere über komplexe Kommunikationssysteme verfügen, weitreichende soziale Kontakte pflegen, lange im voraus planen und vieles mehr. Die Herausforderung, den Menschen und seine Rolle in der Natur zu definieren, meisterten wir angesichts dieser neuen Erkenntnisse weniger souverän und selbstverliebt, jedoch ohne unseren Platz als "Krone der Schöpfung" oder wenigstens als Spitze evolutionärer Entwicklung ernsthaft gefährdet zu sehen. 

 

Die Moderne brachte in Form der Digitalisierung allerdings einen zweiten Behauptungskampf hervor. Ähnlich wie die Wissenschaft gegenüber der Religion bisher behauptete Felder abzutreten in der Lage war, treten heute Roboter und künstliche Intelligenzen in Bereichen hervor, durch die sich der Mensch zuvor definierte: KIs sind heute nicht nur in der Lage menschliche Leistungen im Bereich der Spiele (Schach, Go, Poker, etc.) zu überbieten. Sie sind auch in der Lage durch Selbstlernverfahren Strategien zu entwickeln, die Menschen nicht in Erwägung gezogen hätten. Sie sind nicht nur in der Lage Anweisungen zu verstehen und adäquat zu reagieren, sie sind auch dazu fähig, eigene Texte zu schreiben oder Bilder hervorzubringen. 

 

In der Frage, was uns Menschen gegenüber solchen Fähigkeiten auszeichnet befinden sich viele Menschen auf einem argumentativen Rückzug. Typisch menschlich bleibt in dieser Logik nur, was die Maschine noch nicht kann, solange bis sie es kann. Diese Art sich selbst und seine Rolle in der Welt zu betrachten trägt nicht und führt zu einer Identitätskrise, die ihren Ausdruck in einer zunehmenden Skepsis, Resignation und Angst gegenüber moderner Technik findet. 

 

Wenn wir fragen, wer wir sind, darf unser Blick nicht arrogant nach unten, neidisch zur Seite und ehrfürchtig nach oben wandern. Er sollte nach innen gerichtet sein und die Selbsterkenntnis vor die äußere Abgrenzung stellen. Die Digitalisierung hat das Potential uns Freiräume zu schaffen, die diesen Prozess begleitend ermöglichen anstatt ihn selbstverloren zu ersticken.