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Textbasierte Tests im Philosophie- und Ethikunterricht

 

Im Ethik- und Philosophieunterricht stehen Texte häufig im Mittelpunkt des Unterrichts. Sie sind der Zugang zu den Gedanken derer, die vor uns lebten oder die wir nicht persönlich sprechen können. 

Komplexe Texte verstehen zu wollen, ist eine ebenso anspruchsvolle wie wichtige Aufgabe. Zum einen zum Verständnis der mir unmittelbar vorliegenden Position, zum anderen zur Orientierung in einer zum großen Teil schriftbasierten Welt. Unzählige Informationen und Gedanken werden seit der Erfindung der Schrift in Worten und Sätzen festgehalten. Texte entschlüsseln zu können ist daher eine wichtige Kulturtechnik.

 

Tests (welche die Schulordnung vorschreiben), die den Kenntnisstand der Schülerinnen und Schüler in Bezug auf diese Fertigkeit überprüfen sollen, können aus meiner Sicht in drei Aufgaben unterteilt werden, die immer gleich angelegt  sein können (und den Schülerinnen und Schülern bekannt sein dürfen) sowie die Anforderungsbereiche spiegeln.

 

Aufgabe 1: Einen unbekannten Text zusammenfassen.

Im Anforderungsbereich 1 geht es um basale Textverständnisfähigkeiten. In eigenen Worten sollen die Schülerinnen und Schüler wiedergeben, welches Thema bearbeitet, welche Argumente angeführt und welche Schlussfolgerungen gezogen werden. Im Unterricht kann dies durch verschiedene Texterschließungsverfahren geübt werden. Bei der Auswahl des Textes ist darauf zu achten, dass die Textlänge zur Testlänge passt und dass dieser für die Schülerinnen und Schüler verständlich ist.

 

Aufgabe 2: Die Position des Autors in bisher behandelte Positionen einordnen.

Diese Aufgabe spiegelt Anforderungsbereich 2. Die Schülerinnen und Schüler sollen auf der Basis des bisher im Unterricht behandelten Themas die Position des Autors bzw. der Autorin verorten. Steht er oder sie in einer Reihe mit bekannten Positionen? Entwickelt er oder sie diese Gedanken weiter? Steht die Autorin bzw. der Autor in Opposition zu den bisher behandelten Positionen?

Hier bringen die Schülerinnen und Schüler ihr Vorwissen ein und wenden dies auf einen unbekannten Text an. Dies geschieht allerdings ohne jegliche Form der Beurteilung oder Bewertung. Beide Aufgaben sind völlig unabhängig von der Frage zu beantworten, ob die Schülerin bzw. der Schüler sich der Position des Autors selbst anschließt oder dieser widerspricht. 

 

Aufgabe 3: Die Schülerinnen und Schüler beziehen selbst Stellung.

Eine eigene Position bzw. Meinung konsistent zu formulieren und sich dabei gegenüber einer Tradition zu positionieren, gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben und ist daher im dritten Anforderungsbereich anzusiedeln. Hier haben die Schülerinnen und Schüler aber auch die Gelegenheit ihre Meinung darzustellen, was für viele sehr reizvoll ist. Herausfordernd (aber wichtig) ist es daher häufig, diese nicht bereits in die ersten beiden Aufgaben einfließen zu lassen. 

Es ist in Aufgabe 1 und 2 möglich richtiges und falsches auf der inhaltlichen Ebene zu erkennen und zu bewerten. Gleichwohl sollte sich dies nicht im Abhaken von Punkten erschöpfen. Wie werden Gedanken dargestellt? Erfolgte der Aufbau des Textes logisch und strukturiert? Welche sprachliche Qualität weist die Klausur auf? … Neben inhaltlichen Aspekten spielen bei der Bewertung zahllose weitere Faktoren eine Rolle.

In Bezug auf Frage 3 ist die Inhaltsebene ebenfalls problematisch: Bis zu welchem Grad können wir Schülergedanken und Meinungen inhaltlich als richtig oder falsch bewerten? Für mich gilt daher: entscheidend ist (ausdrücklich im Rahmen unserer Verfassung!) nicht was die Schülerinnen und Schüler schreiben, sondern ob sie in der Lage sind dies konsistent und überzeugend zu vermitteln.

Um angesichts dieser Komplexität den Schülerinnen und Schülern den Bewertungsmaßstab vermitteln zu können, gilt es bezüglich aller relevanter Bewertungskriterien transparent zu sein. Schülerinnen und Schüler sollten also vor den Arbeiten wissen, nach welchem Maßstab ihre Arbeiten bewertet werden.

 

Fazit:
Das vorgestellte Prüfungsformat kann schnell konzipiert und gut geübt werden. Es ist von mündlichen Prüfungen über kurze Tests bis hin zu großen Prüfungen auf verschiedene Formate anwendbar (die vorgegebene Zeit und Textlänge müssen angepasst werden). Entscheidend für den Schwierigkeitsgrad der Prüfung ist der vom Lehrer bzw. der Lehrerin gewählte Text im Kontext des behandelten Themas.

 

„Bonus“ Materialnutzung

Da die Aufgaben für alle bekannt sind ergibt sich ein weiterer besonderer Reiz, den ich häufig nutze. In diesem Prüfungsformat ist es möglich, sämtliche Hilfsmittel zuzulassen (inklusive des Internets, wenn dort keine Musterlösung des Textes zu finden ist). Textverständnis und die Fähigkeit diesen Einzuordnen und zu beurteilen sind auch dann überprüfbar, wenn weitere Hilfsmittel nutzbar sind, zumal diese nur für diejenigen wirklich hilfreich sind, die sich auf die Prüfung vorbereitet haben. Wer Texte nicht versteht und behandelte Positionen nicht verstanden hat, der wird mit den zusätzlichen Informationen aus Heftern, Büchern oder dem Netz nichts anfangen können - gut vorbereitet können sie dagegen einen Aufsatz aufwerten. 

 

 

In jedem Falle müssen dieser Form des Tests andere Prüfungsformate beigestellt werden, um ein breites Spektrum an schriftlichen und mündlichen Leistungen abbilden zu können.

 

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