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Einmal Elfenbeinturm und zurück bitte!

Die Frage, warum man sich mit Philosophie beschäftigen sollte ist gerade in der Schule eine immer wieder gern diskutierte Frage, wenn es an die Wahl der Kurse in der Oberstufe geht. Was macht man da eigentlich und wieso ist das wichtig? Kann man damit was ausgleichen? Was passiert, wenn ich abwähle? So weit, so pragmatisch, so verständlich.

 

Dabei ist die Zeit, in der fleißig für neue Kurse geworben wird, eine gute Gelegenheit, tatsächlich kritisch zu Fragen: Was sollen junge Menschen im 21. Jahrhundert mit Philosophie - einer Disziplin, die schon Jahrtausende alt ist - noch anfangen?

 

Zunächst einmal das Deprimierende - und das sage ich bei diesen Gelegenheiten immer als erstes: Wer sich mit der Philosophie befasst, um Wahrheiten zu erfahren und Antworten zu erhalten, wird enttäuscht sein. 

 

Viel spannender und wichtiger sind die Fragen! Wer Lust hat zu denken, zu grübeln und diskutieren, der ist hier richtig. Wer es nicht enttäuschend findet, am vermeintlichen Ende eines Themas anstatt einer Antwort ein neues Verständnis für das Problem und weitere Fragen vorzufinden, der wird hier glücklich. Wer gegenüber „endgültigen“ und nicht zu hinterfragenden Wahrheiten skeptisch ist und stattdessen in der Auseinandersetzung mit Positionen seiner Gesprächspartner und vergangener Epochen eine Erfüllung findet, weil sie bereichernd sind, der ist auf dem besten Weg zu philosophieren, denn der Philosoph - so sagt es schon der Name - hat die Weisheit nicht (und wird sie vielleicht nie haben) aber er strebt danach.

 

Und alle anderen? Ich bin fest davon überzeugt, dass in uns allen Philosophen stecken, denen die gleichen Fragen am Herzen liegen: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Was sollte ich tun? …

Im Philosophieunterricht beantworten wir die Frage nicht für uns allein und darin besteht für mich der besondere Reiz. Wir rufen uns im Schulfach Philosophie wie ein Sammeltaxi zu uns und sagen „Einmal in den Elfenbeinturm und zurück bitte.“ Hier kann jeder einsteigen. Die Fahrt wird geleitet von Taxifahrern die es lange nicht mehr gibt oder die wir persönlich kaum kennen lernen könnten. Mal sprechen sie in übersetztem Kauderwelsch, mal in glasklaren Reden, mal sprechen sie uns aus der Seele und mal erzählen sie so haarsträubenden Unsinn, dass man am liebsten selbst ans Lenkrad möchte. Der Taxiphilosoph erzählt auf der Fahrt um den Elfenbeinturm und hinten sitzen wir Passagiere, schauen aus dem Fenster und diskutieren während wir versuchen zu begreifen, was uns der Fahrer zu sagen hat. 

 

Wichtig ist dabei so einiges und auch wieder nicht so viel. 

Erstens: Als Lehrer sollte man peinlich genau darauf achten, dass das Taxi zu den Schülern kommt. Kein Schüler wählt das Fach und bleibt dabei, wenn es ihn nichts angeht - wenn er sich zum Taxi quälen muss. Unterricht beginnt und endet beim Schüler! 

Zweitens: Die Fahrt darf auch an einer Stelle enden, an die vielleicht niemand bei ihrem Beginn gedacht hat, aber alle sollten wissen, wo sie sind und weshalb sie nun hier sind. Es ist völlig in Ordnung, wenn die Philosophie uns zu neuen Fragen bringt und alte Probleme von einer ganz neuen Seite zeigt. Ergebnisse sind nur bedingt steuerbar, aber alle müssen die Reise verstehen und das Gefühl haben, dass sie etwas mit ihnen zu tun hat. Wir bleiben gern in einem sicheren Taxi ohne genau zu wissen, wo die Reise hingeht, wenn wir nur das Gefühl haben, dass es unsere Reise ist. Wer das Gefühl hat ein Anhängsel oder fünftes Rad am Wagen zu sein, der springt auch bald wieder ab.

Drittens: Steigen sie als Lehrer hinten ein. Wir sind keine Philosophen. Es geht nicht um uns. Die Hauptattraktion auf der Fahrt ist der Philosoph und der Elfenbeinturm zu dem wir uns bewegen und von dem wir hoffentlich beseelt wieder zurückkehren. Steigen sie hinten ein und genießen sie die Fahrt als jemand, der immer noch zuhört und neugierig ist, der aber auch mehr Erfahrung und Kenntnisse hat - wir fahren die Strecke eben schon etwas länger und kennen die Fahrer auch ein wenig besser. 

 

Philosophieunterricht findet nicht im Elfenbeinturm statt. Wir fahren bei den Schülern los und kommen bei ihnen wieder an. Den Turm zeigen wir und einige finden ihn vielleicht so spannend, dass sie später allein wieder kommen und hineingehen. 

 

Wenn man es so angeht - glaube ich - hat die Philosophie auch im 21. Jahrhundert einiges zu bieten.

Angesichts von virtueller Realität rückt die Erkenntnistheorie Platons, Descartes und Lockes in ein neues Licht, Globalisierung und neue Technologie machen Moralphilosophie vielleicht so wichtig wie nie zuvor, Ansprüche des Programmierens geben der Logik ein neues Gewicht und Fragen der Ästhetik gewinnen angesichts der Reizüberflutung im Netz neue Qualitäten…

 

 

Wer so abholt, fragt und mitnimmt, der kann - und das sollte das Ziel des Philosophieunterrichts in der Schule sein - zuerst begeistern, anspornen, Neugierde wecken und Ehrgeiz regen - und danach mit dem gebührenden Abstand zum Elfenbeinturm fragen, ob und wie etwas abgewählt, eingebracht und ausgeglichen werden kann, denn auch diese Fragen haben absolut ihre Berechtigung.

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Kommentare: 2
  • #1

    Epikur404 (Dienstag, 28 November 2017 22:07)

    Ein toller Artikel. Da schwingt echte Begeisterung für das Fach mit und Lust dieses zu unterrichten. Vor 25 Jahren hätte ich gerne bei dir Philosophieunterricht gehabt.

  • #2

    Moe (Mittwoch, 29 November 2017 10:58)

    Die Analogie der Taxifahrt finde ich gelungen.
    Zwei Fragen habe ich allerdings: Muss der Unterricht wirklich immer bei den SuS beginnen; oder um bei der Analogie zu bleiben: Können die SuS nicht auch zum Taxisammelplatz gehen und von dort aus einsteigen? Es stimmt zwar, dass die Phänomene der Lebenswelt nahezu gänzlich in der Philosophie behandelt werden, aber sie wird eben auch um ihrer Selbstwillen betrieben und bedarf daher auch ein entgegenkommen. Manchmal muss man eben in den Weinkeller laufen, um einen guten Wein zu kosten.
    Ich habe mich auch gefragt, ob der Taxifahrer-Philosoph überhaupt nötig ist. Könnten nicht auch die SuS die Richtung vorgeben und untereinander zwischen Kauderwelsch und glasklarer Rede ein Problem darlegen und lösen? Das Philosophieren bedarf schließlich keinerlei Autoritäten, es genügt lediglich die Bewusstwerdung eines Problems und den Wunsch, dieses lösen zu wollen.